Grundbildungsoffensive NRW

Es gibt Themen, da ist der politische Streit in der Sache üblich, bei manchen sogar notwendig. Und es gibt Themen, da ist große Einigkeit geboten. Eines dieser Themen bleibt die Alphabetisierung. Und so verbanden sich alle Fraktionen im Landtag in einem gleichlautenden Antrag zu einem breiten „Bündnis gegen Analphabetismus".

Warum bei diesem Thema? Zum einen ist es die schiere Größenordnung, denn wir sprechen nicht von einem Randgruppenphänomen, sondern von geschätzt 1,5 Mio. Menschen in NRW. Zum anderen sind es die persönlichen Schicksale jedes Einzelnen. Häufig sind Langzeitarbeitslose, oder Menschen in einfachen Tätigkeiten und ungesicherten Arbeitsverhältnissen, ganz besonders von Arbeitslosigkeit bedroht. Als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind sie von Fortbildungen und vom Aufstieg ausgeschlossen. Es sind Eltern, die aus Scham ihre Situation vor ihren Kindern zu verbergen versuchen. Und die, die eine sogenannte bürgerliche Existenz aufbauen konnten, bleiben immer in Sorge vor Entdeckung. Nun ist dieses Thema nicht neu, es hat schon 2014 dazu einen Antrag gegeben. Und es wurde auch schon Beachtliches geschafft in dieser Zeit: Es sind deutlich weniger junge Menschen, die ohne Schulabschluss die Schule verlassen. Und wir können für die Zukunft Hoffnung schöpfen, denn durch die Erweiterung der Lehrerausbildung um die Themen Alphabetisierung und Grundbildung, die ab nächstem Jahr in Kraft tritt, wird das Thema in der Schule noch größere Beachtung finden. Und eine weitere Forderung konnte in der Zwischenzeit umgesetzt werden: es gibt ein landesweites Netzwerk, das von den Volkshochschulen organisierte Alphanetz NRW, in dem die unterschiedlichsten Einrichtungen zusammenarbeiten. Wenn doch diese Maßnahmen in Gang gesetzt und zum Teil schon abgearbeitet sind, warum ist es jetzt erneut auf der Tagessordnung? Ganz banal: weil das Thema sich noch nicht erledigt hat und in dieser Zeit der Zuwanderung immer neue Aufgabenstellungen entstehen.
Wenn auch die Zahl der erreichten Teilnehmenden an entsprechenden Kursen erhöht werden konnte, so bleibt das doch bei dem sprichwörtlichen Tropfen auf den heißen Stein. Wir müssen dringend mehr Menschen erreichen und dazu brauchen wir Multiplikatoren. Das geht von Kirchengemeinden und Familienzentren über Sportvereine bis zu Unternehmen. Daher fordert der Antrag, alle gesellschaftlich Verantwortlichen in die Pflicht zu nehmen und damit die Gruppe der Netzwerkpartner aktiv und nachhaltig noch deutlich zu erweitern. Und nicht zu gering einzuschätzen: Es wird zusätzliches Geld für Maßnahmen bereitgestellt – immerhin eine halbe Millionen Euro. Mit der Option, mehr aus diesem Geld zu machen, denn es kann als Kofinanzierung für weiteres Projektgeld genutzt werden. Zudem sollen gerade kleinere Einrichtungen bei der Antragstellung z.B. für Bundesmittel unterstützt werden. Aber wichtig ist auch die thematische Erweiterung deutlich über die Alphabetisierung hinaus auf das gesamte Feld der Grundbildung.
Gerade in unserer wissens- und kommunikationsgesteuerten Gesellschaft brauchen Menschen neben der sicheren Beherrschung der Schriftsprache und der Grundrechenarten dringend IT-Kenntnisse. Sie brauchen Sicherheit im Umgang mit Geld und sie müssen lernen, gut mit ihrer Gesundheit umzugehen. Und wir brauchen diese Menschen für unsere Demokratie. Wenn wir die Beteiligung an Wahlen analysieren, dann sehen wir, dass sich die Isolation dieser Menschen und der Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben auch auf ihre demokratischen Rechte beziehen. Gesellschaftlicher Spaltung kann nur durch Bildung entgegengewirkt werden – und dieser Antrag versucht, einen Beitrag dazu zu leisten.